Archive for the ‘Alfonso’ Category

Abschiedsrunde

Samstag, Februar 28th, 2009

Alfonsos Bruder kommt mit einer ziemlichen Beule vom Feld, das Gesicht auf der linken Seite recht zerkratzt.

Wir haben mit unserer Abschiedsrunde begonnen und sitzen bei den Eltern von Alfonso. Das Gespräch dreht sich gerade darum, welches Tier es eigentlich ist, das Nachts im Mais den Schaden verursacht. Es knickt die Kolben um, frisst sie an, dann geht es weiter zum nächsten. Das Tier hat eine Spitze Schnauze, ein buschiges Fell, im Gesicht wie eine Maske und ist weder Wildschwein noch Affe, lebt aber auf Bäumen.
„Er hat noch einmal zu heftig getrunken“, bekommen wir zu hören. Ansonsten scheint der Familienfrieden aber weitestgehend wieder hergestellt. Zumindest so weit wir es beurteilen können.

Auch Martin hat bessere Laune, obwohl seine Situation weiterhin beschissen ist.
Um finanziell voranzukommen, hat er beschlossen in den USA zu arbeiten. Er hat eine seiner beiden Parzelle verkauft, auf der anderen keinen Mais angesät. Dann hat ihn jedoch die Gemeinde überredet zu bleiben: Der Zivilprozess um die Entschädigung würde weiter gehen, seine Aussagen und Anwesenheit dafür wären besonders wichtig. Nun hat er keinen Mais und kein Geld und keine Aussichten, wie sich das ändern soll.
„Könnt ihr mir vielleicht helfen, nach der Aerztin zu suchen, die mein Gesicht repariert hat?“ fragt er uns. Er hofft, sie könne ihm vielleicht helfen, wenn er in den USA ist um Arbeit zu suchen. Es gehe ihm nun wieder besser, er habe wieder das Gefühl, dass seine Arbeit und sein Kampf Sinn mache.

Klar wird leider auch: Er würde nun doch sehr gerne mit auf die Reise kommen, als einer der vier Bewohner mit denen wir den Film in Rabinal, Coban, im Quiche und in der Hauptstadt vorstellen werden. Gefrustet über seine Situation hatte er jeden Nominierungsversuch in der entsprechenden Sitzung abgewiegelt.

Öffentlich im Dorf

Freitag, Februar 27th, 2009

„Ich verstehe nicht wieso so viel gelacht wurde“ kommentiert er. Und sie ergänzt: „Das kränkt uns sehr“. Das ältere Ehepaar hat bei dem Massaker ein Kind verloren.
Die Versammlungshalle war randvoll. Etwa ein Drittel der Erwachsenen von Aurora war, so viele Menschen auf einmal, wie ich sie hier noch nicht erlebt habe. Auch Miguel ist da, Alfonsos Sohn. Er sieht sich den Film zum dritten Mal an. Bleibt die ganze Zeit über, geht nur weg, als die Szene mit der Exhumierung des Kindes beginnt, sein Vater im Grab stehend, mit der Schaufel in der Hand.
Ob die Vorführung gut war oder nicht? Wir wissen es nicht so recht. Klar ist: Das Massaker von 1995 ist bei weitem noch nicht so verarbeitet, dass nur der Anblick von Alfonso ein Problem wäre (ein Teil der Kinder kennt ihn nicht und fragt, ob er ein Soldat ist, wegen seiner Frisur und weil er nicht aus dem Dorf heraus spricht).

Trauerprozess

Freitag, Februar 27th, 2009

In Deutschland kündigten sich bei Abflug Schnee und 15 Grad minus an. Hier hat es auch 15 Grad; über meiner Wohlfühltemperatur.

Alfonsos Bruder ist wieder da. Nach der Vorführung des Filmes im Kreis der Familie hat er sich heftig betrunken. Und danach mit seiner Frau gestritten. Dann ist er fort. Bis über die Grenze nach Mexiko.

Insgesamt sind die Reaktionen bei Vorführungen für die Protagonisten aber bei weitem nicht so heftig. Vor allem nicht so negativ, wie es eine Zeitlang zu befürchten war. Ein befreundeter Psychologe, der die Gemeinde jahrelang begleitet hat, hatte uns geschrieben: „Ich würde den Film nicht zeigen. Nicht jetzt“.
Seine Befürchtungen gingen allerdings nicht in Richtung der Erinnerungen an das Massaker 1995 oder die Massaker in den 80ern. Auch die Bilder der Leichenschau waren nicht der Grund seiner Besorgnis. „Alfonso führt durch den Film. Ihn so jetzt zu erleben ist zu früh im Trauerprozess“.

Alfonso hatte sich rund zwei Wochen vor dem neuerlichen Jahrestag des Massakers letzten Herbst mit Gift selbst getötet.