Archive for the ‘Protagonisten’ Category

Essens- und Lebensrythmen

Donnerstag, März 12th, 2009

Dieses Land und ich werden wohl nur eingeschränkt Freunde werden können; so leid es mir tut: Ich kann keine Tortillas mehr sehen! Sie schmecken mir nach Papier und nach Pappe. Da hilft auf Dauer kein frischer grüner Chilli, kein roter und auch keine extra scharfe Paste oder mit was sie sonst so eingestrichen werden können. Tun auch „unsere Dörfler“ reichlich. „Haben wir halt Gastritis, aber das muss sein“, wurde mal gewitzelt. Trotzdem, die geschmackliche Grundierung bleibt. Wobei ich ja sagen muss, dass es entgegen der Erwartung – auf Basis früherer Erfahrungen – tatsächlich nur ein, maximal zwei Mal Bohnen mit Tortilla gab (sonst war das für gewöhnlich zu Mittag, Abendessen und Frühstück).

Ob es an allgemein größerer Nahrungsvielfalt lag? Auch größerem Wohlstand vielleicht? Ich erinnere mich heute noch an die Einladung von Martin, während des Drehs. (mehr …)

Sicherheit reichlich absurd

Sonntag, März 8th, 2009

Ich hatte vergessen, dass es in dieser Stadt um diese Uhrzeit nicht allgemein üblich ist, sich außerhalb der eigenen Wände aufzuhalten; und das nicht nur dann, wenn mann oder frau wie Estela arbeitsbedingt mit regelmäßigen Todesdrohungen lebt (sie kam etwas später zur Vorführung und ging ging mit dieser Erklärung etwas früher).
„Andreas fuhr da vorn um die Ecke rum und plötzlich gab es laute Schreie und seither ist er nicht wieder aufgetaucht“. Das erzählte Nati, als wir nach Abbau und letzten Gesprächen aus der Lobby des Hotels gehen. Sie sollte seit mindestens zwanzig Minuten bei Andreas im blauen Jeep sitzen. Zusammen mit Donna Manuela. Die steht jetzt neben ihr.

Jetzt watschel ich also wie ein Pinguin in seiner Gruppe der erwähnten Ecke entgegen. (mehr …)

Reiseentspannung

Freitag, März 6th, 2009

Am Donnerstag also wird der Präsident auf dem Platz vor dem Präsidentenpalast sagen, dass es in Guatemala einen Genozid gegeben hat. So wie es in dem Bericht der Wahrheitskommission steht. Diesen hatte sein Vorgänger damals nicht offiziell annehmen wollen. Die Vorführung unseres Filmes hat nun auch einen Ort. Und eine Zeit. Auch wenn die auf den Einladungen genannte noch mal eine andere ist. Na ja. Schade auch, dass wir es nicht in den Präsidentenpalast geschafft haben. Und nicht ins Nationaltheater. Wir werden in einem noblen Hotel sein. Dort,.wo vor nicht nicht allzu langer Zeit Frau in Tracht abgewiesen wurde. Sie prozessierte und bekam Recht. Nun also holt sich das Hotel die mit dem Grundsatzurteil verbundene hohe Entschädigungszahlung wieder: In dem es seine Räume vermietet; vor allem an solche Veranstalter, die den Staat entsprechend verändern wollen. Oder macht es keinen Sinn, das Ganze so zu sehen?

Wir sitzen in den Räumen von SEPAZ. Um die Versprochenen Schecks abzuholen, das Geld für die Reise unserer BegleiterInnen aus dem Dorf. Als die ausgehändigt sind, entspannen sich die Gesichter. Die Verunsicherung und das einigermaßen absurdes Rennen darum, unsere Rundreise möglichst billig zu gestalten, haben nun also eine Art Ende. (mehr …)

Schüleraustausch

Mittwoch, März 4th, 2009

Ich träume von einer Gesundheitsstation für Aurora und die gesamte Region, damit in Notfällen nicht immer drei Stunden Autofahrt notwendig sind, über eine Hubbelpiste. Auch wenn es inzwischen ja sogar zwei Autos im Dorf gibt. (Efra hat eines und sich in der Hauptstadt sogar eine große Audiobox gekauft für seinen Wagen.) Und ich überlege, was gegen einen Schüleraustausch sprechen würde. So einen, wie ich ihn hatte zum Beispiel, in die USA. Wo ich von meiner Gastfamilie gefragt wurde, ob wir Strom hätten und Supermärkte kennen würden: „Und fließend Wasser?“ Da hatten sich wohl allzu viele Erinnerungen aus dem zerstörten Deutschland, in das der Vater als Soldat eingezogen war, allzu sehr verfestigt. Denkwürdig war auch eine Fahrt durch Philadelphia, bei der mir angesichts der desolaten Siedlungen erklärt wurde, dass käme daher, das Schwarze eben kleinere Gehirne hätten.

andere Welt

Dienstag, März 3rd, 2009

Porzellantassengeklapper. Dazu Nati: „Immer wieder habe ich Angst, immer wieder, dass wir angeklagt werden, dass wir Schuld sind; selber Schuld sind, dass wir es seien, welche die Soldaten umgebracht haben.“
Wir sitzen im Büro des Direktors der Deutschen Schule. Nati bedankt sich mit einem emotionalen Ausbruch dafür, dass sie hier das Gefühl von Sicherheit hat. Hier in einer Welt, die so fast gar nichts mit der ihren zu tun haben scheint. Sie spricht von ihren Alpträumen und ihrem Gefühl immer wieder in einer Welt aufzuwachen, in der nicht die Täter angeklagt werden, sondern sie und die ihren.

Die Vorführung vorhin war gut. Rund 150 Schüler saßen in dem Raum und erinnern mich an eine Vorführung zu meiner Schulzeit. „Ghandi“. Ein privatmythologisch vielleicht nicht zu unterschätzendes Ereignis.
Andrea arbeitete später bei einer Ghandi-Nachfolge-Organisation. Weswegen sie dann im Krankenhaus sitzt, im San Juan de Dios, neben den Verletzten und weil die Befürchtung besteht, dass sie als potentielle Zeugen des Xáman-Massakers das Krankenhaus nicht überleben könnten. Eine Angst, welche die immer wieder auftauchenden Männer mit den Sonnenbrillen immer wieder neu anfachen.
Wir hatten den Film damals in einem Kino gesehen. Und das Gefühl auf eine Seite gezogen worden zu sein, klar, es war in gewisser Weise eine Manipulation. Aber durchaus eine, die auch unserer Film erreichen soll: Emotionales Miterleben.

Vor mir in der ersten Reihe: Eine Schülerin hält sich immer wieder die Augen zu, schmiegt sich mehr und mehr an ihre Nachbarin an. (mehr …)

Verkettung

Dienstag, März 3rd, 2009

Nati, Donna Manuela und Andrea hatten Alpträume. Bei den Jungs, Efra und Eliseo, scheint alles ruhig gewesen zu sein, zumindest soweit ich es vom schlaflosen Teil meiner Nacht her beurteilen kann. Nati erzählt, dass sie den Film bisher vor allem unter dem Aspekt Angst und Erinnerung angesehen hat. Nach der Vorrede in Rabinal habe sie nun aber vor allem auf die Befehlsketten geachtet. Ob es eine solche wirklich gab? Die direkten Vorgesetzten von Lacan starben überraschend schnell eines natürlichen Todes: Inzwischen gibt es angeblich sogar offizielle Totenscheine, aber auch immer noch den Hinweis, dass einer der beiden leben gesehen wurde. Ob das ganze ein Anschlag auf den Friedensprozess war, eine voreilige Aktion eines Karrieristen, ein „Unfall“?

Staatsakt

Samstag, Februar 28th, 2009

Dass es dem Frieden geht, wie es ihm geht, es ist nicht verwunderlich, wenn die Arbeit seines Sekretariats die Grundlage wäre. SEPAZ (Secretariate de Paz) hat jedenfalls bisher noch immer keinen Raum für die Filmvorführung sicher. Selbst Tag und Uhrzeit scheinen je nach Ansprechperson noch variabel. Und das, obwohl die Vorführung immerhin Teil eines offiziellen Programms rund um einen Staatsakt ist: Der heutige Präsident soll als erster öffentlich formulieren, dass es in Guatemala einen Genozid gegeben hat. Bin ich kleinlich, dass ich mir angesichts dieser Dimension ein wenig Sorgen auch um die Qualität unserer Vorführung mache?

Mit Nati zusammen witzeln wir: Wieso gehen sie nicht einfach auf dem großen Platz vor dem Palast, wenn es schon so schwierig ist, in den Palast hineinzukommen?

Für real umsetzbar scheint diese Idee aber niemand zu halten; obwohl es lediglich unsere ausgeliehene Technik und ein langes Stromkabel bräuchte. Doch die ZONE 1, in der die Regierungsgebäude liegen, gilt nachts als eine der unsichersten der Stadt; von den etablierten kommt hier nach Dunkelheit niemand her, parkt niemand sein Auto in der Gegend. Früher war es die Geheimpolizei, vor der man sich in Acht zu nehmen hatte. Heute ist es die allgemeine Kriminalität.

In meinem Kopf hallt die Idee noch einige Zeit weiter. Ein Open Air. Auf einem großen, recht malerischen Platz, mitten in der Stadt. Und würde ein solches Event nicht vielleicht eine kurze Auszeit von den alltäglichen sozialen Kämpfen, vor allem der Gewalt bewirken?

Abschiedsrunde

Samstag, Februar 28th, 2009

Alfonsos Bruder kommt mit einer ziemlichen Beule vom Feld, das Gesicht auf der linken Seite recht zerkratzt.

Wir haben mit unserer Abschiedsrunde begonnen und sitzen bei den Eltern von Alfonso. Das Gespräch dreht sich gerade darum, welches Tier es eigentlich ist, das Nachts im Mais den Schaden verursacht. Es knickt die Kolben um, frisst sie an, dann geht es weiter zum nächsten. Das Tier hat eine Spitze Schnauze, ein buschiges Fell, im Gesicht wie eine Maske und ist weder Wildschwein noch Affe, lebt aber auf Bäumen.
„Er hat noch einmal zu heftig getrunken“, bekommen wir zu hören. Ansonsten scheint der Familienfrieden aber weitestgehend wieder hergestellt. Zumindest so weit wir es beurteilen können.

Auch Martin hat bessere Laune, obwohl seine Situation weiterhin beschissen ist.
Um finanziell voranzukommen, hat er beschlossen in den USA zu arbeiten. Er hat eine seiner beiden Parzelle verkauft, auf der anderen keinen Mais angesät. Dann hat ihn jedoch die Gemeinde überredet zu bleiben: Der Zivilprozess um die Entschädigung würde weiter gehen, seine Aussagen und Anwesenheit dafür wären besonders wichtig. Nun hat er keinen Mais und kein Geld und keine Aussichten, wie sich das ändern soll.
„Könnt ihr mir vielleicht helfen, nach der Aerztin zu suchen, die mein Gesicht repariert hat?“ fragt er uns. Er hofft, sie könne ihm vielleicht helfen, wenn er in den USA ist um Arbeit zu suchen. Es gehe ihm nun wieder besser, er habe wieder das Gefühl, dass seine Arbeit und sein Kampf Sinn mache.

Klar wird leider auch: Er würde nun doch sehr gerne mit auf die Reise kommen, als einer der vier Bewohner mit denen wir den Film in Rabinal, Coban, im Quiche und in der Hauptstadt vorstellen werden. Gefrustet über seine Situation hatte er jeden Nominierungsversuch in der entsprechenden Sitzung abgewiegelt.

Öffentlich im Dorf

Freitag, Februar 27th, 2009

„Ich verstehe nicht wieso so viel gelacht wurde“ kommentiert er. Und sie ergänzt: „Das kränkt uns sehr“. Das ältere Ehepaar hat bei dem Massaker ein Kind verloren.
Die Versammlungshalle war randvoll. Etwa ein Drittel der Erwachsenen von Aurora war, so viele Menschen auf einmal, wie ich sie hier noch nicht erlebt habe. Auch Miguel ist da, Alfonsos Sohn. Er sieht sich den Film zum dritten Mal an. Bleibt die ganze Zeit über, geht nur weg, als die Szene mit der Exhumierung des Kindes beginnt, sein Vater im Grab stehend, mit der Schaufel in der Hand.
Ob die Vorführung gut war oder nicht? Wir wissen es nicht so recht. Klar ist: Das Massaker von 1995 ist bei weitem noch nicht so verarbeitet, dass nur der Anblick von Alfonso ein Problem wäre (ein Teil der Kinder kennt ihn nicht und fragt, ob er ein Soldat ist, wegen seiner Frisur und weil er nicht aus dem Dorf heraus spricht).

Trauerprozess

Freitag, Februar 27th, 2009

In Deutschland kündigten sich bei Abflug Schnee und 15 Grad minus an. Hier hat es auch 15 Grad; über meiner Wohlfühltemperatur.

Alfonsos Bruder ist wieder da. Nach der Vorführung des Filmes im Kreis der Familie hat er sich heftig betrunken. Und danach mit seiner Frau gestritten. Dann ist er fort. Bis über die Grenze nach Mexiko.

Insgesamt sind die Reaktionen bei Vorführungen für die Protagonisten aber bei weitem nicht so heftig. Vor allem nicht so negativ, wie es eine Zeitlang zu befürchten war. Ein befreundeter Psychologe, der die Gemeinde jahrelang begleitet hat, hatte uns geschrieben: „Ich würde den Film nicht zeigen. Nicht jetzt“.
Seine Befürchtungen gingen allerdings nicht in Richtung der Erinnerungen an das Massaker 1995 oder die Massaker in den 80ern. Auch die Bilder der Leichenschau waren nicht der Grund seiner Besorgnis. „Alfonso führt durch den Film. Ihn so jetzt zu erleben ist zu früh im Trauerprozess“.

Alfonso hatte sich rund zwei Wochen vor dem neuerlichen Jahrestag des Massakers letzten Herbst mit Gift selbst getötet.