Archive for the ‘Pers’ Category

Klang

Samstag, März 14th, 2009

Drei Männer stehen hinter dem Instrument, einer Marimba. Jeder von ihnen hat einen bestimmten Abschnitt des Instrumentes, einen Ausschnitt aus dem Tonbereich und eine besondere Aufgabe. Ein Mann bringt die tiefen Platten zum Klingen. Er spielt sich immer gleich wiederholende Muster. Diese beiden Platten und dann dann dann diese beiden und dann diese. Und dann wieder von vorne. Keine Variation. Bei den meisten Liedern zumindest. Der Mann, der die kleinsten, die hohen Platten zum klingen bringt – er scheint recht frei zu sein in dem, was er
spielt. Improvisation. Dazwischen steht ein Mann, der gestresst drein sieht. Immer wieder kuckt er auf die freien Bewegungen des Mannes neben ihm. Keine leichte Aufgabe also, den Erkundungen und Ausblicken so zu folgen, zumindest wenn der Zusammenhalt mit der Basis, den tiefen, grundlegenden Tönen nicht verloren gehen soll.
Himmel und Erde. Und das Leben dazwischen. Vielleicht.

Ich frage mich, ob die festgelegten Teile eine ganz spezifisch besondere Bedeutung haben, eingebettet in einen jeweils besonderen Zusammenhang vielleicht. Musik dann als klar verständliche Sprache. (mehr …)

Sicherheit reichlich absurd

Sonntag, März 8th, 2009

Ich hatte vergessen, dass es in dieser Stadt um diese Uhrzeit nicht allgemein üblich ist, sich außerhalb der eigenen Wände aufzuhalten; und das nicht nur dann, wenn mann oder frau wie Estela arbeitsbedingt mit regelmäßigen Todesdrohungen lebt (sie kam etwas später zur Vorführung und ging ging mit dieser Erklärung etwas früher).
„Andreas fuhr da vorn um die Ecke rum und plötzlich gab es laute Schreie und seither ist er nicht wieder aufgetaucht“. Das erzählte Nati, als wir nach Abbau und letzten Gesprächen aus der Lobby des Hotels gehen. Sie sollte seit mindestens zwanzig Minuten bei Andreas im blauen Jeep sitzen. Zusammen mit Donna Manuela. Die steht jetzt neben ihr.

Jetzt watschel ich also wie ein Pinguin in seiner Gruppe der erwähnten Ecke entgegen. (mehr …)

Schüleraustausch

Mittwoch, März 4th, 2009

Ich träume von einer Gesundheitsstation für Aurora und die gesamte Region, damit in Notfällen nicht immer drei Stunden Autofahrt notwendig sind, über eine Hubbelpiste. Auch wenn es inzwischen ja sogar zwei Autos im Dorf gibt. (Efra hat eines und sich in der Hauptstadt sogar eine große Audiobox gekauft für seinen Wagen.) Und ich überlege, was gegen einen Schüleraustausch sprechen würde. So einen, wie ich ihn hatte zum Beispiel, in die USA. Wo ich von meiner Gastfamilie gefragt wurde, ob wir Strom hätten und Supermärkte kennen würden: „Und fließend Wasser?“ Da hatten sich wohl allzu viele Erinnerungen aus dem zerstörten Deutschland, in das der Vater als Soldat eingezogen war, allzu sehr verfestigt. Denkwürdig war auch eine Fahrt durch Philadelphia, bei der mir angesichts der desolaten Siedlungen erklärt wurde, dass käme daher, das Schwarze eben kleinere Gehirne hätten.

Wandel

Mittwoch, März 4th, 2009

Es gibt ja so Momente. Nachdem sich mein Verhältnis zu meinem Magen und seinen Aktivitäten entspannt hat, ist nun also Husten und dicke dichte Nase angesagt. Bis ich endlich mitten in der Nacht aufwache und schnäuzen kann. Möglichst leise, damit ich die beiden anderen in unserem 3-Bett-Zimmer nicht wieder wecke. Endlich kommt was raus. Als ich hingucke, sehe ich im Mondlicht allerdings schwarz. Buchstäblich. Aufhören tut das Nasenbluten dann nach einer viertel Rolle verbrauchten Klopapiers.

Was es ist

Sonntag, März 1st, 2009

Was war das nun: Die Vorführungen in AURORA?

Ein wirklich markantes Gefühl will sich nicht einstellen. Zu sehr splittern sich die Gedanken und Fragen auf in verschiedenste Bereiche: Film als Film, Psychologisches, Politisches, Privates.
Sicherlich ist einiges an Erleichterung da. Die Befürchtung, dass der Film größere negative Folgen haben könnte, scheint sich nicht realisiert zu haben – von ein paar Vollräuschen, heftigeren Streits und Beulen abgesehen.
Und dann ist da noch die Spaltung, die unterschiedliche Erfahrung, die Verletzungen, die entstehen, weil das Massaker und seine Folgen auf die verschiedenen Leben eine je verschiedene emotionale Fliehkraft ausübt. Kann man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben?

Insgesamt haben wir jedoch immer und wieder vor allem Dank formuliert bekommen, wurde der Film als Dokument zur Realität von Geschichte und Gegenwart des Dorfes bezeichnet. Ein Dokument, das man im Dorf auch den nächsten Generation zur Erklärung zeigen will. Und auch jene, die das Durchleben mit den Erinnerungen als sehr schmerzhaft beschrieben, auch sie sagen, es wäre richtig und wichtig, dass wir hier sind mit dem Film.

Staatsakt

Samstag, Februar 28th, 2009

Dass es dem Frieden geht, wie es ihm geht, es ist nicht verwunderlich, wenn die Arbeit seines Sekretariats die Grundlage wäre. SEPAZ (Secretariate de Paz) hat jedenfalls bisher noch immer keinen Raum für die Filmvorführung sicher. Selbst Tag und Uhrzeit scheinen je nach Ansprechperson noch variabel. Und das, obwohl die Vorführung immerhin Teil eines offiziellen Programms rund um einen Staatsakt ist: Der heutige Präsident soll als erster öffentlich formulieren, dass es in Guatemala einen Genozid gegeben hat. Bin ich kleinlich, dass ich mir angesichts dieser Dimension ein wenig Sorgen auch um die Qualität unserer Vorführung mache?

Mit Nati zusammen witzeln wir: Wieso gehen sie nicht einfach auf dem großen Platz vor dem Palast, wenn es schon so schwierig ist, in den Palast hineinzukommen?

Für real umsetzbar scheint diese Idee aber niemand zu halten; obwohl es lediglich unsere ausgeliehene Technik und ein langes Stromkabel bräuchte. Doch die ZONE 1, in der die Regierungsgebäude liegen, gilt nachts als eine der unsichersten der Stadt; von den etablierten kommt hier nach Dunkelheit niemand her, parkt niemand sein Auto in der Gegend. Früher war es die Geheimpolizei, vor der man sich in Acht zu nehmen hatte. Heute ist es die allgemeine Kriminalität.

In meinem Kopf hallt die Idee noch einige Zeit weiter. Ein Open Air. Auf einem großen, recht malerischen Platz, mitten in der Stadt. Und würde ein solches Event nicht vielleicht eine kurze Auszeit von den alltäglichen sozialen Kämpfen, vor allem der Gewalt bewirken?

Bruchstücke

Samstag, Februar 28th, 2009

Wörter und Satzfetzen hämmern auf mich ein, als wären sie Typen einer mechanischen Schreibmaschine und ich ein Blatt Papier. „Nada dice, Nada dice“; der Verteidigungsminister. „tanta sangre“, Efra; „con maltrito“ Lacan. Bruchstücke. Nicht alle aus dem Film. Auch ein paar der paar spanischen Wörter, die ich immer wieder im Alltag höre und sicher identifizieren kann, sind dabei. Ich kann mich aus diesem Strom der Gedanken nicht ausklinken. Und ärgere mich, dass ich seine Energie nicht besser nutzen kann.

der wind kennt wohl die antwort

Samstag, Februar 28th, 2009

der wind kennt wohl die antwort, und der mann ist ein mann und fuer das leben, das er mit sich traegt, da braucht es wohl nur noch einen hauch, um es fortzutragen und jetzt sitzt er da, vor seinem haus, in einem winkel von neunzig grad sitzt er auf der niedrigen mauer der veranda. und dann steht er auf und geht und sein ober- und sein unterkoerper bilden weiter einen winkel von neunzig grad und er sieht nichts, zumindest nicht mehr sehr viel und wohl auch nicht, dass ich der tod bin, oder doch, denn so wie ich hier sitze, ich sehe nur das ende, bis er anfaengt zu erzaehlen, zuerst noch vom sterben, von einer zeit, als seine schwester noch lebte, da war es besser, alles besser, da bekam er noch besuch und essen und heute komme kaum noch jemand vorbei und nun kann er kaum noch gehen und werde noch schneller muede davon und dann erzaehlt er von der zeit auf der finca und wie es damals war und andrea erinnert sich, wie er alleine in die hauptstadt kam um sich zu bedanken, ganz allein war er vom land in die stadt gekommen, mit ein paar melonen als dank, und dann steht er auf, bringt zwei becher und waescht sie in der zisterne, so dass wir schon wissen, wir werden nichts trinken, und wieder fuehlt sich alles an wie das ende, weil wir es nicht schaffen abzulehnen, und weil wir heimlich das trinken und dann ausleeren werden und zum ende verabschiedet er uns, das gesicht unseren stimmen folgend: „wenn ihr wieder einmal im dorf sein werdet, kommt doch bitte vorbei und seht nach, ob ich noch lebe, und wenn ja, dann besucht mich doch bitte, habt eine gute reise, ich werde jetzt hier ein wenig sitzen.“

dreizehn Jahre

Samstag, Februar 28th, 2009

Vielleicht fast auf den Tag genau vor dreizehn Jahren bin ich hier in LA AURORA das erste Mal angekommen.

Damals dauerte der Weg durch die Gemeinde von einem Ende zum anderen mehr als zwei Stunden, dabei immer wieder im Schlamm ausrutschend und über kleine Baumstämme balancierend, in der Hoffnung in das bisschen Wasser darunter nicht der Länge nach hineinzufallen. Heute gibt es Straßenbeleuchtung und feste Wege. Wir wundern uns, wie schnell wir überall sind.
Damals waren die Hütten noch aus dem Holz jener Bäume gemacht, die man mit einer Machete in Bretter zerlegen kann, die Dächer aus Palmwedeln. Große Vogelspinnen und Skorpione gab es reichlich und ich habe in Folge eines Stichs gelernt: Die hellen sind gefährlicher, sie haben sich gerade erst gehäutet und daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch viel Gift haben größer. Aber Angst brauche man auch vor ihnen nicht wirklich zu haben.
Heute sind die Häuser zumeist aus Stein und die Hühner haben alles, was an größer Insekten fleuchen und kreuchen könnte, deutlich dezimiert. Meine einzige nennenswerte tierische Begegnung dieses Mal war die mit einer Ratte; eines Nachts saß sie plötzlich über meinem Gesicht auf meinem Moskitonetz; und veranstaltete danach zusammen mit ihren Kollegen ein solches Quicken und Knuspern, dass sie mich beim Schlafen gestört haben.
Damals herrschte im Verglich zum Lärm und Chaos der Hauptstadt eine ruhige und fast poetische Stille und Entspanntheit, die ich leider erst Jahre später richtig eingeordnet habe: Als den Ausläufer eines Alptraums, das Ende eines Graues, das mit dem Massaker keine fuünf Monate zuvor begonnen hatte. Heute ist die Stimmung bunter. Chaotischer. Lauter. Und ich kann mich nur über mich selber wundern, wenn ich heute Tonaufnahmen vergleiche.
Damals dauerte der Weg nach AURORA von der Hauptstadt aus zwei bis drei Tage, und wenn wir nach dem Weg fragten, wurde getuschelt: „Die wollen dahin, wo die Soldaten ermordet wurden.“ Heute schafft man den Weg gut an einem Tag, kein Aus- und Einsteigen ist mehr nötig, kein Anschieben des Fahrzeugs mehr. Die teuren Busse haben Videovorführungen und LA AURORA engagiert sich anerkannt in der Provinz auch über die eigenen direktesten Belange hinaus politisch.
Heute hat LA AURORA nicht nur eine weiterführende Schule, in der Provinzhauptstadt unterhält die Gemeinde sogar ein Internat. Es gibt Handies, Fahrräder sind üblich, sogar mehr als ein Auto gibt es im Dorf. Und nachdem es zwischenzeitlich eine Privatisierungswelle gab, ist nun auch die Kooperative wieder in Betrieb. Nur eine Gesundheitsstation fehlt. Die gab es mal. Bis in Folge des Massakers der zusätzliche Aufwand nicht mehr geleistet werden konnte. Die ganze Region hatte damals davon profitiert.

Morgen werden wir abreisen. Zum ersten Mal ohne konkrete Vorstellung, wann wir wieder kommen.

Freitag, Februar 27th, 2009

Gut 300 Schüler haben den Film nun in zwei Vorführungen gesehen. Grundschulklassen, das Alter zwischen 12 und 16 (mehrere Jahrgänge teilen sich einen Klassenraum und Sitzen-Bleiben ist auch mehrere Jahre hintereinander möglich). Die Vorführung am Nachmittag soll allerdings fast nicht auszuhalten gewesen sein, so heiß war es.
Erzählt mir Andrea. Ich bin leider damit beschäftigt, so viel Dämmerzustand und Durchfall – der mich auch im Schlafen erwischt- mit so wenig Bewegung wie möglich durchzustehen. Nivea for Men wird jedenfalls für mich von nun an immer mit dem Geruch von Scheiße verbunden sein.