Archive for the ‘Aurora’ Category

Schüleraustausch

Mittwoch, März 4th, 2009

Ich träume von einer Gesundheitsstation für Aurora und die gesamte Region, damit in Notfällen nicht immer drei Stunden Autofahrt notwendig sind, über eine Hubbelpiste. Auch wenn es inzwischen ja sogar zwei Autos im Dorf gibt. (Efra hat eines und sich in der Hauptstadt sogar eine große Audiobox gekauft für seinen Wagen.) Und ich überlege, was gegen einen Schüleraustausch sprechen würde. So einen, wie ich ihn hatte zum Beispiel, in die USA. Wo ich von meiner Gastfamilie gefragt wurde, ob wir Strom hätten und Supermärkte kennen würden: „Und fließend Wasser?“ Da hatten sich wohl allzu viele Erinnerungen aus dem zerstörten Deutschland, in das der Vater als Soldat eingezogen war, allzu sehr verfestigt. Denkwürdig war auch eine Fahrt durch Philadelphia, bei der mir angesichts der desolaten Siedlungen erklärt wurde, dass käme daher, das Schwarze eben kleinere Gehirne hätten.

Filmverkostung

Sonntag, März 1st, 2009

Die Vorführung in Cobán ist ein wenig enttäuschend. Nur gut 30 Leute haben es in den Seitenflügel zur Veranstaltung der Pastoral Social geschafft. Wir projizieren auf eine Dialeinwand in einem Saal des alten Konvents.
Auch die Diskussion ist eher weniger spannend. Es herrscht Einigkeit, dass der Film wichtig für die Bildungsarbeit wäre. Uneinigkeit herrscht über den Weg: Eine Einspeisung ins offizielle Guatemaltekische Bildungssystem via Ministerium halten die einen für sinnvoll. Die anderen sehen einen solchen Versuch als das letzte, was davon übrig bliebe, man solle viel mehr mit den Schulen direkt reden, auch wenn die dann quasi illegal agieren würden.
Seltsam, wenn nicht nervig, finde ich den Hinweis einiger Menschen aus Spanien, die den Film sehr europäisch finden: Sehr, sehr gut, aber vielleicht für die Menschen in Guatemala weniger geeignet, da die Film- und Fernsehkost ja doch eine völlig andere hier wäre. Mich erinnert das an den schon mehrfach gehörten Kommentar, dass man selber ja alles verstanden habe, aber ob die anderen… ?

Will sich da einfach niemand wirklich outen? „Ich habe etwas nicht verstanden?“ Wir jedenfalls haben – zum Beispiel in der Gemeinde – kaum Erfahrungen gemacht, die darauf hindeuten würden, dass der Film für Filmkunstkost-Ungeübte besonders schwierig wäre. Selbst die Metaphern scheinen verständlich gewesen zu sein, nicht nur das, was die Menschen wortwörtlich sagen.

Was es ist

Sonntag, März 1st, 2009

Was war das nun: Die Vorführungen in AURORA?

Ein wirklich markantes Gefühl will sich nicht einstellen. Zu sehr splittern sich die Gedanken und Fragen auf in verschiedenste Bereiche: Film als Film, Psychologisches, Politisches, Privates.
Sicherlich ist einiges an Erleichterung da. Die Befürchtung, dass der Film größere negative Folgen haben könnte, scheint sich nicht realisiert zu haben – von ein paar Vollräuschen, heftigeren Streits und Beulen abgesehen.
Und dann ist da noch die Spaltung, die unterschiedliche Erfahrung, die Verletzungen, die entstehen, weil das Massaker und seine Folgen auf die verschiedenen Leben eine je verschiedene emotionale Fliehkraft ausübt. Kann man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben?

Insgesamt haben wir jedoch immer und wieder vor allem Dank formuliert bekommen, wurde der Film als Dokument zur Realität von Geschichte und Gegenwart des Dorfes bezeichnet. Ein Dokument, das man im Dorf auch den nächsten Generation zur Erklärung zeigen will. Und auch jene, die das Durchleben mit den Erinnerungen als sehr schmerzhaft beschrieben, auch sie sagen, es wäre richtig und wichtig, dass wir hier sind mit dem Film.

der wind kennt wohl die antwort

Samstag, Februar 28th, 2009

der wind kennt wohl die antwort, und der mann ist ein mann und fuer das leben, das er mit sich traegt, da braucht es wohl nur noch einen hauch, um es fortzutragen und jetzt sitzt er da, vor seinem haus, in einem winkel von neunzig grad sitzt er auf der niedrigen mauer der veranda. und dann steht er auf und geht und sein ober- und sein unterkoerper bilden weiter einen winkel von neunzig grad und er sieht nichts, zumindest nicht mehr sehr viel und wohl auch nicht, dass ich der tod bin, oder doch, denn so wie ich hier sitze, ich sehe nur das ende, bis er anfaengt zu erzaehlen, zuerst noch vom sterben, von einer zeit, als seine schwester noch lebte, da war es besser, alles besser, da bekam er noch besuch und essen und heute komme kaum noch jemand vorbei und nun kann er kaum noch gehen und werde noch schneller muede davon und dann erzaehlt er von der zeit auf der finca und wie es damals war und andrea erinnert sich, wie er alleine in die hauptstadt kam um sich zu bedanken, ganz allein war er vom land in die stadt gekommen, mit ein paar melonen als dank, und dann steht er auf, bringt zwei becher und waescht sie in der zisterne, so dass wir schon wissen, wir werden nichts trinken, und wieder fuehlt sich alles an wie das ende, weil wir es nicht schaffen abzulehnen, und weil wir heimlich das trinken und dann ausleeren werden und zum ende verabschiedet er uns, das gesicht unseren stimmen folgend: „wenn ihr wieder einmal im dorf sein werdet, kommt doch bitte vorbei und seht nach, ob ich noch lebe, und wenn ja, dann besucht mich doch bitte, habt eine gute reise, ich werde jetzt hier ein wenig sitzen.“

dreizehn Jahre

Samstag, Februar 28th, 2009

Vielleicht fast auf den Tag genau vor dreizehn Jahren bin ich hier in LA AURORA das erste Mal angekommen.

Damals dauerte der Weg durch die Gemeinde von einem Ende zum anderen mehr als zwei Stunden, dabei immer wieder im Schlamm ausrutschend und über kleine Baumstämme balancierend, in der Hoffnung in das bisschen Wasser darunter nicht der Länge nach hineinzufallen. Heute gibt es Straßenbeleuchtung und feste Wege. Wir wundern uns, wie schnell wir überall sind.
Damals waren die Hütten noch aus dem Holz jener Bäume gemacht, die man mit einer Machete in Bretter zerlegen kann, die Dächer aus Palmwedeln. Große Vogelspinnen und Skorpione gab es reichlich und ich habe in Folge eines Stichs gelernt: Die hellen sind gefährlicher, sie haben sich gerade erst gehäutet und daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch viel Gift haben größer. Aber Angst brauche man auch vor ihnen nicht wirklich zu haben.
Heute sind die Häuser zumeist aus Stein und die Hühner haben alles, was an größer Insekten fleuchen und kreuchen könnte, deutlich dezimiert. Meine einzige nennenswerte tierische Begegnung dieses Mal war die mit einer Ratte; eines Nachts saß sie plötzlich über meinem Gesicht auf meinem Moskitonetz; und veranstaltete danach zusammen mit ihren Kollegen ein solches Quicken und Knuspern, dass sie mich beim Schlafen gestört haben.
Damals herrschte im Verglich zum Lärm und Chaos der Hauptstadt eine ruhige und fast poetische Stille und Entspanntheit, die ich leider erst Jahre später richtig eingeordnet habe: Als den Ausläufer eines Alptraums, das Ende eines Graues, das mit dem Massaker keine fuünf Monate zuvor begonnen hatte. Heute ist die Stimmung bunter. Chaotischer. Lauter. Und ich kann mich nur über mich selber wundern, wenn ich heute Tonaufnahmen vergleiche.
Damals dauerte der Weg nach AURORA von der Hauptstadt aus zwei bis drei Tage, und wenn wir nach dem Weg fragten, wurde getuschelt: „Die wollen dahin, wo die Soldaten ermordet wurden.“ Heute schafft man den Weg gut an einem Tag, kein Aus- und Einsteigen ist mehr nötig, kein Anschieben des Fahrzeugs mehr. Die teuren Busse haben Videovorführungen und LA AURORA engagiert sich anerkannt in der Provinz auch über die eigenen direktesten Belange hinaus politisch.
Heute hat LA AURORA nicht nur eine weiterführende Schule, in der Provinzhauptstadt unterhält die Gemeinde sogar ein Internat. Es gibt Handies, Fahrräder sind üblich, sogar mehr als ein Auto gibt es im Dorf. Und nachdem es zwischenzeitlich eine Privatisierungswelle gab, ist nun auch die Kooperative wieder in Betrieb. Nur eine Gesundheitsstation fehlt. Die gab es mal. Bis in Folge des Massakers der zusätzliche Aufwand nicht mehr geleistet werden konnte. Die ganze Region hatte damals davon profitiert.

Morgen werden wir abreisen. Zum ersten Mal ohne konkrete Vorstellung, wann wir wieder kommen.

Abschiedsrunde

Samstag, Februar 28th, 2009

Alfonsos Bruder kommt mit einer ziemlichen Beule vom Feld, das Gesicht auf der linken Seite recht zerkratzt.

Wir haben mit unserer Abschiedsrunde begonnen und sitzen bei den Eltern von Alfonso. Das Gespräch dreht sich gerade darum, welches Tier es eigentlich ist, das Nachts im Mais den Schaden verursacht. Es knickt die Kolben um, frisst sie an, dann geht es weiter zum nächsten. Das Tier hat eine Spitze Schnauze, ein buschiges Fell, im Gesicht wie eine Maske und ist weder Wildschwein noch Affe, lebt aber auf Bäumen.
„Er hat noch einmal zu heftig getrunken“, bekommen wir zu hören. Ansonsten scheint der Familienfrieden aber weitestgehend wieder hergestellt. Zumindest so weit wir es beurteilen können.

Auch Martin hat bessere Laune, obwohl seine Situation weiterhin beschissen ist.
Um finanziell voranzukommen, hat er beschlossen in den USA zu arbeiten. Er hat eine seiner beiden Parzelle verkauft, auf der anderen keinen Mais angesät. Dann hat ihn jedoch die Gemeinde überredet zu bleiben: Der Zivilprozess um die Entschädigung würde weiter gehen, seine Aussagen und Anwesenheit dafür wären besonders wichtig. Nun hat er keinen Mais und kein Geld und keine Aussichten, wie sich das ändern soll.
„Könnt ihr mir vielleicht helfen, nach der Aerztin zu suchen, die mein Gesicht repariert hat?“ fragt er uns. Er hofft, sie könne ihm vielleicht helfen, wenn er in den USA ist um Arbeit zu suchen. Es gehe ihm nun wieder besser, er habe wieder das Gefühl, dass seine Arbeit und sein Kampf Sinn mache.

Klar wird leider auch: Er würde nun doch sehr gerne mit auf die Reise kommen, als einer der vier Bewohner mit denen wir den Film in Rabinal, Coban, im Quiche und in der Hauptstadt vorstellen werden. Gefrustet über seine Situation hatte er jeden Nominierungsversuch in der entsprechenden Sitzung abgewiegelt.

weiterführende Schule

Freitag, Februar 27th, 2009

Heute sind die Schüler der weiterführenden Schule dran. Also die zwischen 14 und 17 in etwa. Das es eine solche Schule in AURORA gibt, darauf ist die Gemeinde besonders stolz. Es ist nämlich alles andere als üblich, normalerweise hört die Bildung auf dem Land mit Ende der „Basico“ auf, da die Kosten für Essen, Fahrt und Unterkunft für die Zeit in der Schule in einer der größeren Städte meist nicht aufgebracht werden kann. (mehr …)

Freitag, Februar 27th, 2009

Gut 300 Schüler haben den Film nun in zwei Vorführungen gesehen. Grundschulklassen, das Alter zwischen 12 und 16 (mehrere Jahrgänge teilen sich einen Klassenraum und Sitzen-Bleiben ist auch mehrere Jahre hintereinander möglich). Die Vorführung am Nachmittag soll allerdings fast nicht auszuhalten gewesen sein, so heiß war es.
Erzählt mir Andrea. Ich bin leider damit beschäftigt, so viel Dämmerzustand und Durchfall – der mich auch im Schlafen erwischt- mit so wenig Bewegung wie möglich durchzustehen. Nivea for Men wird jedenfalls für mich von nun an immer mit dem Geruch von Scheiße verbunden sein.

Öffentlich im Dorf

Freitag, Februar 27th, 2009

„Ich verstehe nicht wieso so viel gelacht wurde“ kommentiert er. Und sie ergänzt: „Das kränkt uns sehr“. Das ältere Ehepaar hat bei dem Massaker ein Kind verloren.
Die Versammlungshalle war randvoll. Etwa ein Drittel der Erwachsenen von Aurora war, so viele Menschen auf einmal, wie ich sie hier noch nicht erlebt habe. Auch Miguel ist da, Alfonsos Sohn. Er sieht sich den Film zum dritten Mal an. Bleibt die ganze Zeit über, geht nur weg, als die Szene mit der Exhumierung des Kindes beginnt, sein Vater im Grab stehend, mit der Schaufel in der Hand.
Ob die Vorführung gut war oder nicht? Wir wissen es nicht so recht. Klar ist: Das Massaker von 1995 ist bei weitem noch nicht so verarbeitet, dass nur der Anblick von Alfonso ein Problem wäre (ein Teil der Kinder kennt ihn nicht und fragt, ob er ein Soldat ist, wegen seiner Frisur und weil er nicht aus dem Dorf heraus spricht).

Basisadministration

Freitag, Februar 27th, 2009

Die Fragen, die wir beim Ausleihen der Technik gestellt haben, sind nun praktisch beantwortet. Nicht gestellt hatten wir die Frage: „Sind die Lautsprecherkabel lang genug?“.
Die Folge: Auf einer einer ziemlich großen Leinwand, die noch so gerade eben in die offene Versammlungshalle passt, werden wir ein Bild produzieren, das mal soeben einen Teil der Hälfte der Leinwand ausfüllt. Heute allerdings nicht mehr.
Das Problem: Die gerade abgelöste Bürgermeisterei kann rund 30.000 Quetzal nicht abrechnen, 3.000 Euro. Ein ziemlicher Batzen für das Dorf. Die Wortmeldungen sind zum Teil recht heftig. Gegen 18 Uhr wird es dunkel und die Gruppe, die zur Vorführung gekommen, ist fängt an das Treiben in der Halle lautstark und genervt zu kommentieren.