Archive for the ‘Filmvorf’ Category

Multiplikatoren

Freitag, März 13th, 2009

Der Verteidigungsminister bekommt Drohungen, manchen passt wohl nicht, dass er auch nur zwei der Pläne herausgerückt hat. Wofür er von anderer Seite nun mit einer Anklage rechnen muss, da er ja einer höchstrichterlichen Anordnung nicht nachgekommen sei. Außerdem heißt es nun, dass die Originale vernichtet seien. Und die braucht es wohl, damit sie vor Gericht eine Rolle spielen können. Der Inhalt jedenfalls ist bekannt. Seit längerem schon. Vom Richter, jenem, der die Annahme verweigerte, konnte man zwischenzeitlich als Begründung lesen: Beim Verteidigungsminister seien sie sicherer aufgehoben.

Wir jedenfalls sind inzwischen im Quiché angekommen. Für die vielleicht letzte Vorführung. Die Katechetenvereinigung hatte uns Zugang zu Material gegeben, welches nun auch im Film zu sehen ist. Aufnahmen beginnend nur wenige Stunden nach dem Massaker. Die Fahrt war ein etwas elendes Hin- und Hergeschaukel mit dem Bus auf seiner Strecke die Täler hinauf und die Berge hinunter. Und das Hotel, in dem wir aufschlagen, hält uns wohl für Pestizid resistent: (mehr …)

Strom

Mittwoch, März 11th, 2009

Kein Spanisch, dafür reichlich Husten – also klemme ich mir die offizielle Zeremonie; was wohl ein Fehler ist, denn die Straße vor dem Internet-Cafe werden samt den beiden Gehsteigen nun schon seit Minuten üppig von einer vorüberziehenden Menschenmenge gefüllt. Sie bewegt sich Richtung Innenstadt und befördert reichlich Transparente und Plakate.

Staatsakt

Sonntag, März 8th, 2009

„Also für die SEPAZ-Vorführung braucht ihr euch keine Sorgen zu machen; wir kümmern uns da um die Technik, bringen auch einen extra guten Beamer mit“, hatte uns Poncho noch am Montag gesagt.

Jetzt fangen wir – wie wohl einfach in diesem Land üblich – wieder später an. Doch das Warten auf jene, die noch im vorangegangenem Seminar waren, es hat sich gelohnt. Die Stuhlreihen im Saal sind gut voll. Jetzt geht das Licht aus. Zum zweiten Mal. Beim ersten Mal gab es wegen einem Kabel Probleme mit dem Bild. Andrea sprang als Pausenclown ein. Souverän. Szenenapplaus. Jetzt also geht es wirklich los. (mehr …)

andere Welt

Dienstag, März 3rd, 2009

Porzellantassengeklapper. Dazu Nati: „Immer wieder habe ich Angst, immer wieder, dass wir angeklagt werden, dass wir Schuld sind; selber Schuld sind, dass wir es seien, welche die Soldaten umgebracht haben.“
Wir sitzen im Büro des Direktors der Deutschen Schule. Nati bedankt sich mit einem emotionalen Ausbruch dafür, dass sie hier das Gefühl von Sicherheit hat. Hier in einer Welt, die so fast gar nichts mit der ihren zu tun haben scheint. Sie spricht von ihren Alpträumen und ihrem Gefühl immer wieder in einer Welt aufzuwachen, in der nicht die Täter angeklagt werden, sondern sie und die ihren.

Die Vorführung vorhin war gut. Rund 150 Schüler saßen in dem Raum und erinnern mich an eine Vorführung zu meiner Schulzeit. „Ghandi“. Ein privatmythologisch vielleicht nicht zu unterschätzendes Ereignis.
Andrea arbeitete später bei einer Ghandi-Nachfolge-Organisation. Weswegen sie dann im Krankenhaus sitzt, im San Juan de Dios, neben den Verletzten und weil die Befürchtung besteht, dass sie als potentielle Zeugen des Xáman-Massakers das Krankenhaus nicht überleben könnten. Eine Angst, welche die immer wieder auftauchenden Männer mit den Sonnenbrillen immer wieder neu anfachen.
Wir hatten den Film damals in einem Kino gesehen. Und das Gefühl auf eine Seite gezogen worden zu sein, klar, es war in gewisser Weise eine Manipulation. Aber durchaus eine, die auch unserer Film erreichen soll: Emotionales Miterleben.

Vor mir in der ersten Reihe: Eine Schülerin hält sich immer wieder die Augen zu, schmiegt sich mehr und mehr an ihre Nachbarin an. (mehr …)

Glocken rufen

Dienstag, März 3rd, 2009

Rabinal. Alle werden in Auto gepackt, um vom Besprechungsort zur Vorführung zu fahren. Bis auf drei. Die ausgerechnet wissen weder einzeln noch zusammen wissen, wohin sie eigentlich müssen. Dass einer von Ihnen kein Spanisch kann, das macht die Sache auch nicht besser. Dass dann ausgerechnet ich mich traue einen Passanten anzusprechen, um nach dem Weg zu fragen, dann aber wieder doch.

Als wir ankommen läuten die Kirchenglocken. Um die Gläubigen zum Gebet zu rufen. In gewisser Weise. Nur das es keine Cineasten sind, die kommen, sondern Genozidüberlebende. Die sich ansehen wollen, fühlen, wie andere es überlebt haben: Die allgegenwärtige Vergangenheit.
Als wir anfangen, ist die Kirche voll, darunter wieder viele Kinder, Mütter mit Säuglingen und ganz kleinen sind es dann auch, die zur Hälfte etwa gehen, wir sind viel zu spät dran. Und dann gehen noch ein mal ein paar, als die Exhumierungsszene beginnt. Der Typ im Rapper5-Style, original mit weißem Feinripp und Wollmütze bleibt. So einen gab es auch schon in Aurora.
Kaum ist der Abspann zu Ende, ist die Kirche dann leer. Wir sollen uns nichts denken. Es wäre einfach schon zu spät gewesen. Na ja. Wir haben ja auch etwa 3 bis 4 Stunden nach der ursprünglich ausgemachten Zeit angefangen. Planungen in Guatemala…

Filmverkostung

Sonntag, März 1st, 2009

Die Vorführung in Cobán ist ein wenig enttäuschend. Nur gut 30 Leute haben es in den Seitenflügel zur Veranstaltung der Pastoral Social geschafft. Wir projizieren auf eine Dialeinwand in einem Saal des alten Konvents.
Auch die Diskussion ist eher weniger spannend. Es herrscht Einigkeit, dass der Film wichtig für die Bildungsarbeit wäre. Uneinigkeit herrscht über den Weg: Eine Einspeisung ins offizielle Guatemaltekische Bildungssystem via Ministerium halten die einen für sinnvoll. Die anderen sehen einen solchen Versuch als das letzte, was davon übrig bliebe, man solle viel mehr mit den Schulen direkt reden, auch wenn die dann quasi illegal agieren würden.
Seltsam, wenn nicht nervig, finde ich den Hinweis einiger Menschen aus Spanien, die den Film sehr europäisch finden: Sehr, sehr gut, aber vielleicht für die Menschen in Guatemala weniger geeignet, da die Film- und Fernsehkost ja doch eine völlig andere hier wäre. Mich erinnert das an den schon mehrfach gehörten Kommentar, dass man selber ja alles verstanden habe, aber ob die anderen… ?

Will sich da einfach niemand wirklich outen? „Ich habe etwas nicht verstanden?“ Wir jedenfalls haben – zum Beispiel in der Gemeinde – kaum Erfahrungen gemacht, die darauf hindeuten würden, dass der Film für Filmkunstkost-Ungeübte besonders schwierig wäre. Selbst die Metaphern scheinen verständlich gewesen zu sein, nicht nur das, was die Menschen wortwörtlich sagen.

Was es ist

Sonntag, März 1st, 2009

Was war das nun: Die Vorführungen in AURORA?

Ein wirklich markantes Gefühl will sich nicht einstellen. Zu sehr splittern sich die Gedanken und Fragen auf in verschiedenste Bereiche: Film als Film, Psychologisches, Politisches, Privates.
Sicherlich ist einiges an Erleichterung da. Die Befürchtung, dass der Film größere negative Folgen haben könnte, scheint sich nicht realisiert zu haben – von ein paar Vollräuschen, heftigeren Streits und Beulen abgesehen.
Und dann ist da noch die Spaltung, die unterschiedliche Erfahrung, die Verletzungen, die entstehen, weil das Massaker und seine Folgen auf die verschiedenen Leben eine je verschiedene emotionale Fliehkraft ausübt. Kann man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben?

Insgesamt haben wir jedoch immer und wieder vor allem Dank formuliert bekommen, wurde der Film als Dokument zur Realität von Geschichte und Gegenwart des Dorfes bezeichnet. Ein Dokument, das man im Dorf auch den nächsten Generation zur Erklärung zeigen will. Und auch jene, die das Durchleben mit den Erinnerungen als sehr schmerzhaft beschrieben, auch sie sagen, es wäre richtig und wichtig, dass wir hier sind mit dem Film.

Abschiedsrunde

Samstag, Februar 28th, 2009

Alfonsos Bruder kommt mit einer ziemlichen Beule vom Feld, das Gesicht auf der linken Seite recht zerkratzt.

Wir haben mit unserer Abschiedsrunde begonnen und sitzen bei den Eltern von Alfonso. Das Gespräch dreht sich gerade darum, welches Tier es eigentlich ist, das Nachts im Mais den Schaden verursacht. Es knickt die Kolben um, frisst sie an, dann geht es weiter zum nächsten. Das Tier hat eine Spitze Schnauze, ein buschiges Fell, im Gesicht wie eine Maske und ist weder Wildschwein noch Affe, lebt aber auf Bäumen.
„Er hat noch einmal zu heftig getrunken“, bekommen wir zu hören. Ansonsten scheint der Familienfrieden aber weitestgehend wieder hergestellt. Zumindest so weit wir es beurteilen können.

Auch Martin hat bessere Laune, obwohl seine Situation weiterhin beschissen ist.
Um finanziell voranzukommen, hat er beschlossen in den USA zu arbeiten. Er hat eine seiner beiden Parzelle verkauft, auf der anderen keinen Mais angesät. Dann hat ihn jedoch die Gemeinde überredet zu bleiben: Der Zivilprozess um die Entschädigung würde weiter gehen, seine Aussagen und Anwesenheit dafür wären besonders wichtig. Nun hat er keinen Mais und kein Geld und keine Aussichten, wie sich das ändern soll.
„Könnt ihr mir vielleicht helfen, nach der Aerztin zu suchen, die mein Gesicht repariert hat?“ fragt er uns. Er hofft, sie könne ihm vielleicht helfen, wenn er in den USA ist um Arbeit zu suchen. Es gehe ihm nun wieder besser, er habe wieder das Gefühl, dass seine Arbeit und sein Kampf Sinn mache.

Klar wird leider auch: Er würde nun doch sehr gerne mit auf die Reise kommen, als einer der vier Bewohner mit denen wir den Film in Rabinal, Coban, im Quiche und in der Hauptstadt vorstellen werden. Gefrustet über seine Situation hatte er jeden Nominierungsversuch in der entsprechenden Sitzung abgewiegelt.

weiterführende Schule

Freitag, Februar 27th, 2009

Heute sind die Schüler der weiterführenden Schule dran. Also die zwischen 14 und 17 in etwa. Das es eine solche Schule in AURORA gibt, darauf ist die Gemeinde besonders stolz. Es ist nämlich alles andere als üblich, normalerweise hört die Bildung auf dem Land mit Ende der „Basico“ auf, da die Kosten für Essen, Fahrt und Unterkunft für die Zeit in der Schule in einer der größeren Städte meist nicht aufgebracht werden kann. (mehr …)

Freitag, Februar 27th, 2009

Gut 300 Schüler haben den Film nun in zwei Vorführungen gesehen. Grundschulklassen, das Alter zwischen 12 und 16 (mehrere Jahrgänge teilen sich einen Klassenraum und Sitzen-Bleiben ist auch mehrere Jahre hintereinander möglich). Die Vorführung am Nachmittag soll allerdings fast nicht auszuhalten gewesen sein, so heiß war es.
Erzählt mir Andrea. Ich bin leider damit beschäftigt, so viel Dämmerzustand und Durchfall – der mich auch im Schlafen erwischt- mit so wenig Bewegung wie möglich durchzustehen. Nivea for Men wird jedenfalls für mich von nun an immer mit dem Geruch von Scheiße verbunden sein.