Archive for März, 2009

andere Welt

Dienstag, März 3rd, 2009

Porzellantassengeklapper. Dazu Nati: „Immer wieder habe ich Angst, immer wieder, dass wir angeklagt werden, dass wir Schuld sind; selber Schuld sind, dass wir es seien, welche die Soldaten umgebracht haben.“
Wir sitzen im Büro des Direktors der Deutschen Schule. Nati bedankt sich mit einem emotionalen Ausbruch dafür, dass sie hier das Gefühl von Sicherheit hat. Hier in einer Welt, die so fast gar nichts mit der ihren zu tun haben scheint. Sie spricht von ihren Alpträumen und ihrem Gefühl immer wieder in einer Welt aufzuwachen, in der nicht die Täter angeklagt werden, sondern sie und die ihren.

Die Vorführung vorhin war gut. Rund 150 Schüler saßen in dem Raum und erinnern mich an eine Vorführung zu meiner Schulzeit. „Ghandi“. Ein privatmythologisch vielleicht nicht zu unterschätzendes Ereignis.
Andrea arbeitete später bei einer Ghandi-Nachfolge-Organisation. Weswegen sie dann im Krankenhaus sitzt, im San Juan de Dios, neben den Verletzten und weil die Befürchtung besteht, dass sie als potentielle Zeugen des Xáman-Massakers das Krankenhaus nicht überleben könnten. Eine Angst, welche die immer wieder auftauchenden Männer mit den Sonnenbrillen immer wieder neu anfachen.
Wir hatten den Film damals in einem Kino gesehen. Und das Gefühl auf eine Seite gezogen worden zu sein, klar, es war in gewisser Weise eine Manipulation. Aber durchaus eine, die auch unserer Film erreichen soll: Emotionales Miterleben.

Vor mir in der ersten Reihe: Eine Schülerin hält sich immer wieder die Augen zu, schmiegt sich mehr und mehr an ihre Nachbarin an. (mehr …)

Verkettung

Dienstag, März 3rd, 2009

Nati, Donna Manuela und Andrea hatten Alpträume. Bei den Jungs, Efra und Eliseo, scheint alles ruhig gewesen zu sein, zumindest soweit ich es vom schlaflosen Teil meiner Nacht her beurteilen kann. Nati erzählt, dass sie den Film bisher vor allem unter dem Aspekt Angst und Erinnerung angesehen hat. Nach der Vorrede in Rabinal habe sie nun aber vor allem auf die Befehlsketten geachtet. Ob es eine solche wirklich gab? Die direkten Vorgesetzten von Lacan starben überraschend schnell eines natürlichen Todes: Inzwischen gibt es angeblich sogar offizielle Totenscheine, aber auch immer noch den Hinweis, dass einer der beiden leben gesehen wurde. Ob das ganze ein Anschlag auf den Friedensprozess war, eine voreilige Aktion eines Karrieristen, ein „Unfall“?

Glocken rufen

Dienstag, März 3rd, 2009

Rabinal. Alle werden in Auto gepackt, um vom Besprechungsort zur Vorführung zu fahren. Bis auf drei. Die ausgerechnet wissen weder einzeln noch zusammen wissen, wohin sie eigentlich müssen. Dass einer von Ihnen kein Spanisch kann, das macht die Sache auch nicht besser. Dass dann ausgerechnet ich mich traue einen Passanten anzusprechen, um nach dem Weg zu fragen, dann aber wieder doch.

Als wir ankommen läuten die Kirchenglocken. Um die Gläubigen zum Gebet zu rufen. In gewisser Weise. Nur das es keine Cineasten sind, die kommen, sondern Genozidüberlebende. Die sich ansehen wollen, fühlen, wie andere es überlebt haben: Die allgegenwärtige Vergangenheit.
Als wir anfangen, ist die Kirche voll, darunter wieder viele Kinder, Mütter mit Säuglingen und ganz kleinen sind es dann auch, die zur Hälfte etwa gehen, wir sind viel zu spät dran. Und dann gehen noch ein mal ein paar, als die Exhumierungsszene beginnt. Der Typ im Rapper5-Style, original mit weißem Feinripp und Wollmütze bleibt. So einen gab es auch schon in Aurora.
Kaum ist der Abspann zu Ende, ist die Kirche dann leer. Wir sollen uns nichts denken. Es wäre einfach schon zu spät gewesen. Na ja. Wir haben ja auch etwa 3 bis 4 Stunden nach der ursprünglich ausgemachten Zeit angefangen. Planungen in Guatemala…

Aufarbeitung 2009

Sonntag, März 1st, 2009

Rabinal. Wir sitzen in einem Innenhof. Die Organisation, die uns eingeladen hat, berichtet von ihren Bemühungen, die Massaker juristisch aufzuarbeiten.

Wichtig sei, dass vor Ort gearbeitet würde, als Zusammenschluss der Opfer selbst. Man sei nicht so sehr daran interessiert, nur die Täter an der Spitze zu bekommen, wie es die Organisationen in der Hauptstadt nun vor allem täten. Wichtig sei die Veränderung des sozialen Klimas vor Ort, und so habe man es zum Beispiel inzwischen geschafft, dass auch die Täter Angst haben müssten, auch wenn es noch nicht gelungen sei, einen der Militärs ins Gefängnis zu bringen. Gegen einen Offizier habe man einen Haftbefehl erreicht, da der Mann jedoch als Berater des vorherigen und jetzigen Präsidenten arbeite, werde der einfach nicht ausgeführt. Und es seinen aber schon etliche der Zivilpatrouilleros hinter Gitter, und man habe es geschafft, dass Ríos Mont seinen Wahlkampf hier nicht abhalten konnte. Das vor allem sei ein wichtiges Symbol und ein Moment der Veränderung gewesen: Ausgerechnet am Tag, als 28 Exhumierte mit Würde beerdigt werden sollten, wollte er hier reden, und sie mobilisierten so viele Menschen und so viele seien gefolgt, dass er die Stadt verlassen musste. Und seitdem seien die Dinge anders. Auch wenn die Frau, die neben ihm sitzt, nicht zur Filmvorführung kommen wird, weil sie in einem Gebiet wohnt, in dem die Machtverhältnisse noch anders sind. Zu dunkel sollte der Rückweg da nicht sein. (mehr …)

Rabinal in den 90ern

Sonntag, März 1st, 2009

Rabinal. Wir kommen im selben Hotel an, wie damals vor dreizehn Jahren. Ich kann nur hoffen, dass die Nacht dieses Mal besser wird.
Damals schleppten wir gerade die Rucksäcke in den Innenhof, als ein US-Amerikaner uns begrüßte. Auf die Frage, wer denn wir wohl wären, antworteten wir: „Touristen“. Lautes Lachen. „No one coming here is a tourist, so you probably work for a peace-organization“.
Womit er recht hatte. Fast. Andrea arbeitete bei PBI. Mein ganzer Aufenthalt in Guatemala kam mir im Nachhinein jedoch vor, wie eine Art Massengrab- und Massakertourismus. Und in Rabinal wollten wir zu einer Ausgrabungsstelle. Eine Exhumierung in Sichtweise der Militärgarnison. Auf deren Grund ein nicht kleiner Teil der rund 5.000 Toten vermutet wurde. Außerdem wollten wir Aktivisten besuchen. (mehr …)

Filmverkostung

Sonntag, März 1st, 2009

Die Vorführung in Cobán ist ein wenig enttäuschend. Nur gut 30 Leute haben es in den Seitenflügel zur Veranstaltung der Pastoral Social geschafft. Wir projizieren auf eine Dialeinwand in einem Saal des alten Konvents.
Auch die Diskussion ist eher weniger spannend. Es herrscht Einigkeit, dass der Film wichtig für die Bildungsarbeit wäre. Uneinigkeit herrscht über den Weg: Eine Einspeisung ins offizielle Guatemaltekische Bildungssystem via Ministerium halten die einen für sinnvoll. Die anderen sehen einen solchen Versuch als das letzte, was davon übrig bliebe, man solle viel mehr mit den Schulen direkt reden, auch wenn die dann quasi illegal agieren würden.
Seltsam, wenn nicht nervig, finde ich den Hinweis einiger Menschen aus Spanien, die den Film sehr europäisch finden: Sehr, sehr gut, aber vielleicht für die Menschen in Guatemala weniger geeignet, da die Film- und Fernsehkost ja doch eine völlig andere hier wäre. Mich erinnert das an den schon mehrfach gehörten Kommentar, dass man selber ja alles verstanden habe, aber ob die anderen… ?

Will sich da einfach niemand wirklich outen? „Ich habe etwas nicht verstanden?“ Wir jedenfalls haben – zum Beispiel in der Gemeinde – kaum Erfahrungen gemacht, die darauf hindeuten würden, dass der Film für Filmkunstkost-Ungeübte besonders schwierig wäre. Selbst die Metaphern scheinen verständlich gewesen zu sein, nicht nur das, was die Menschen wortwörtlich sagen.

Was es ist

Sonntag, März 1st, 2009

Was war das nun: Die Vorführungen in AURORA?

Ein wirklich markantes Gefühl will sich nicht einstellen. Zu sehr splittern sich die Gedanken und Fragen auf in verschiedenste Bereiche: Film als Film, Psychologisches, Politisches, Privates.
Sicherlich ist einiges an Erleichterung da. Die Befürchtung, dass der Film größere negative Folgen haben könnte, scheint sich nicht realisiert zu haben – von ein paar Vollräuschen, heftigeren Streits und Beulen abgesehen.
Und dann ist da noch die Spaltung, die unterschiedliche Erfahrung, die Verletzungen, die entstehen, weil das Massaker und seine Folgen auf die verschiedenen Leben eine je verschiedene emotionale Fliehkraft ausübt. Kann man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben?

Insgesamt haben wir jedoch immer und wieder vor allem Dank formuliert bekommen, wurde der Film als Dokument zur Realität von Geschichte und Gegenwart des Dorfes bezeichnet. Ein Dokument, das man im Dorf auch den nächsten Generation zur Erklärung zeigen will. Und auch jene, die das Durchleben mit den Erinnerungen als sehr schmerzhaft beschrieben, auch sie sagen, es wäre richtig und wichtig, dass wir hier sind mit dem Film.