Staatsakt

„Also für die SEPAZ-Vorführung braucht ihr euch keine Sorgen zu machen; wir kümmern uns da um die Technik, bringen auch einen extra guten Beamer mit“, hatte uns Poncho noch am Montag gesagt.

Jetzt fangen wir – wie wohl einfach in diesem Land üblich – wieder später an. Doch das Warten auf jene, die noch im vorangegangenem Seminar waren, es hat sich gelohnt. Die Stuhlreihen im Saal sind gut voll. Jetzt geht das Licht aus. Zum zweiten Mal. Beim ersten Mal gab es wegen einem Kabel Probleme mit dem Bild. Andrea sprang als Pausenclown ein. Souverän. Szenenapplaus. Jetzt also geht es wirklich los.
Mit Lücken im Ton. Um nicht zu sagen: Löchern.

Unser „Bratschenmann“ in der dritten Einstellung – er ist zu sehen, auch die Dorfgeräusche sind da, nur: seine Geige fadet aus; obwohl er im Bild weiter spielt und wir da keinen Fade gesetzt haben. War nicht auch der Bass von Barre Phillips am Anfang nicht zu hören? Nein, Bitte nicht! Dass Poncho genau den Beamer mitgebracht hat, den wir zuvor für die Reise bei ihm ausgeliehen hatten und das Bild also … das reicht schon … bitte nicht!
„Wohin gehen die Toten“, fragt Nati. Und ihre Tochter Glendis antwortet ihr im Film zum zigten Mal; wie immer ist ihr diese Ausfragerei vor der Kamera peinlich. Nur: Ihre Antwort hat sie bisher noch nie so verhalten und leise gegeben. Himmel, Arsch und … jetzt kommen die Dorfszenen, fünf Minuten fast ohne gesprochenes Wort. Doch noch bevor sie vorüber sind, reden Andreas, Andrea, ich und ein Mann von SEPAZ aufgeregt aufeinander ein. Mit unterschiedlicher Zielen anscheinend. Der Mann von SEPAZ: „Ihr habt nichts gesagt, also habt ihr eure Okay zum Ton gegeben.“ Wir: „Woran kann es denn liegen?!“ Ob wir noch mal abbrechen sollen? Und was könnte dann getan werden?

Etwa vierzig Miutehn später haben Poncho und der Mann von der Hoteltechnik mehr oder weniger alles neu verkabelt. SEPAZ hatte ihm gesagt, das es Haustechnik gäbe und er hat den Ton darüber laufen lassen. Wissend, dass einer der Verbindungswege „ziemlich seltsam“ sei.
Zwei Drittel der Leute etwa sind geblieben. Mehr oder weniger. Als das Licht ausgeht stehen sie zum Teil noch in einer Schlange um Kaffee an. Leider bleibt es dabei, dass guter Ton etwas anderes ist.

Nach dem Film sitzen wir auf Stühlen hinter einem Tisch auf der Bühne. Um Fragen zu beantworten. Nur, dass keine kommt. Ein Mann hat sich zu Wort gemeldet. Nun spricht er ins Mikro, geht dabei vor dem Publikum auf und ab. Ich verstehe kein Wort und sehe in einen halb leeren Saal. Der Mann redet und geht auf und redet und geht ab und redet und ich sehe zu den anderen neben mir, sehe wie Eliseo die Augen verdreht und den Kopf schüttelt. Andrea beugt sich zu mir rüber. Jetzt verdreht auch sie die Augen. „Der verhaspelt sich völlig“.
Irgendwas damit, dass man auch die Soldaten verstehe müsse; und wenn Gerichtsverfahren eben nichts bringen würden, dann, eben nicht – so höre ich von ihr; nun steht Andreas mit seinen gut zwei Metern neben dem Mann; und weicht nicht mehr von seiner Seite, schließlich hört er auf. Beifall. Von einem gar nicht so kleinen Teil der Anwesenden. Mir kommt das Ganze vor, wie eine Filmszene: Die Bekenntnisrunden bei den Anonymen Alkoholikern. Immerhin endete der Mann wohl mit einem großen Dank an die Gemeinde für ihr leuchtendes Beispiel und Vorbild.

Dann die Frau, die jetzt das Mikro in der Hand hat. Auch sie geht ein wenig auf und ab. Dem Publikum zugewendet. Nur sie spricht nicht. Für meine Ohren schreit sie. Ein Staccato. Unterbrochen von deutlich akzentuierten Emotionsausbrüchen. Als wollten und sollten Hunderte mobilisiert werden. Mit einem Bekenntnis. Mehrmals Szenenapplaus. Der auch von hier oben, neben mir, kommt. „Unsere Dörfler“ scheinen also dem Auftritt der älteren, verhärmt aussehenden Frau in Maya-Tracht etwas abgewinnen zu können. Mir geht ihre Art auf die Nerven. Und zwar reichlich.

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