andere Welt

Porzellantassengeklapper. Dazu Nati: „Immer wieder habe ich Angst, immer wieder, dass wir angeklagt werden, dass wir Schuld sind; selber Schuld sind, dass wir es seien, welche die Soldaten umgebracht haben.“
Wir sitzen im Büro des Direktors der Deutschen Schule. Nati bedankt sich mit einem emotionalen Ausbruch dafür, dass sie hier das Gefühl von Sicherheit hat. Hier in einer Welt, die so fast gar nichts mit der ihren zu tun haben scheint. Sie spricht von ihren Alpträumen und ihrem Gefühl immer wieder in einer Welt aufzuwachen, in der nicht die Täter angeklagt werden, sondern sie und die ihren.

Die Vorführung vorhin war gut. Rund 150 Schüler saßen in dem Raum und erinnern mich an eine Vorführung zu meiner Schulzeit. „Ghandi“. Ein privatmythologisch vielleicht nicht zu unterschätzendes Ereignis.
Andrea arbeitete später bei einer Ghandi-Nachfolge-Organisation. Weswegen sie dann im Krankenhaus sitzt, im San Juan de Dios, neben den Verletzten und weil die Befürchtung besteht, dass sie als potentielle Zeugen des Xáman-Massakers das Krankenhaus nicht überleben könnten. Eine Angst, welche die immer wieder auftauchenden Männer mit den Sonnenbrillen immer wieder neu anfachen.
Wir hatten den Film damals in einem Kino gesehen. Und das Gefühl auf eine Seite gezogen worden zu sein, klar, es war in gewisser Weise eine Manipulation. Aber durchaus eine, die auch unserer Film erreichen soll: Emotionales Miterleben.

Vor mir in der ersten Reihe: Eine Schülerin hält sich immer wieder die Augen zu, schmiegt sich mehr und mehr an ihre Nachbarin an. Schließlich haben sich beide ineinander angelehnt, so scheint es. Kurz davor: Große Augen, verwunderte Blicke. Es ist die Hubschraubersequenz: Eine Sequenz vom Tag danach, ein Blick der über das Dorf kreist, dazu die Stimme und Gitarre von Doug Martsch. Unser Versuch den Blick der Soldaten, der Fremden, aufzunehmen; zudem eine Erinnerung an vergleichbares Material, entstanden in Vietnam.
„Can u see victor charlie down there. Me make them running. (Lachen) See. (Eine Leuchtspur des Maschinengewehrfeuers vor ihm in Richtung Erde). Yeah, sometimes we don’t see him, but this time we make em good“. Die Piloten bekamen vor ihren Einsätzen Psychopharmaka.
Unsere Szene ist im Vergleich nahezu stumm, nur die Musik und das Geräusch der Rotoren. „The sound of the song being shattered“, höre ich Doug Martsch einsetzen und freue mich: Ich habe den Eindruck, dass ich genau das dann sehen kann. Die Szene endet mit: „Is your heart to hard to see?“

Das die beiden Mädchen wegsehen, bei dem was dann folgt, es kommt mir bekannt vor. Und verständlich. Nur dass ich es kein einziges Mal bei den bisherigen Vorführungen erlebt habe. Keines der Kinder, keiner der Jugendlichen oder Erwachsenen hat, soweit ich es sehen konnte, die Augen verschlossen vor den Bildern der Leichenschau.
„Lernt bitte weiter so. Und lasst uns gemeinsam das Projekt Zukunft in Guatemala gestalten. Ich möchte euch danken für eure Aufnahme hier bei euch, dass wir an einem solchen Ort so sicher sein können“, sagte Nati zum Abschluss an die Schüler. Lang anhaltender Beifall.

Beim Weg ins Direktorzimmer fällt mir Doug Martsch ein. Ich hatte ihn nach einem Konzert – angeschoben von Moelle und Gisela – angesprochen, dass wir einen Dokumentarfilm machen würden und die Musik. „Not interested“, war seine Antwort. Ich brauchte einen Moment, bis ich ein freundliches „Why?“ heraus bekam. Kurze Irritation. Dann „Wir sind nicht so interessant, unser Leben ist nicht so spannend.“ Wieder ein kurzer Moment der Irritation, dann: „Oh, no, the film is not about you, its about a massacre in Guatemala.“ Von da an war es nur noch eine Frage von Stift und Papier, auch die Zeile „your music will additionally represent the ugly American in some way“ war kein Problem.

Nun sitzen wir im Büro des Direktors. „Da werden wir wohl wieder einiges zu hören kriegen, von den Eltern, wenn sie zu Hause erzählen, was sie heut gesehen haben“, sagt er.
Zwar sind die meisten der Schüler nicht mehr deutschstämmig. Aber fast alle gehören der Oberschicht an, einer Welt, die nicht allzu weit entfernt ist von Ausbeutung via Sklaverei auf den Plantagen. Eine Welt, welche die massakrierenden Militärs angesichts der sozialen Lage noch in den 80ern so einschätzten, dass keinerlei Veränderungspotential von ihr ausginge.
„Ganz so schlimm wird es nicht werden, wir haben ja schon in den unteren Klassen mit DIE TOCHTER DES PUMAS angefangen, die Eltern sind also quasi schon einiges gewöhnt“, meint der stellvertretende Direktor.

Kurz wird davon geredet, wie wichtig gerade auch der Auftritt der Gemeindemitglieder für die Schüler gewesen sei. Kaum jemand kenne das Leben der Maya-Bauern, die wenigsten der Schüler wären einmal auf dem Land gewesen, obwohl ja ein paar mal in einem Sommercamp in Chiséc waren, doch da waren die Erfahrungen doch eine ziemliche Zumutung.

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