Rabinal in den 90ern

Rabinal. Wir kommen im selben Hotel an, wie damals vor dreizehn Jahren. Ich kann nur hoffen, dass die Nacht dieses Mal besser wird.
Damals schleppten wir gerade die Rucksäcke in den Innenhof, als ein US-Amerikaner uns begrüßte. Auf die Frage, wer denn wir wohl wären, antworteten wir: „Touristen“. Lautes Lachen. „No one coming here is a tourist, so you probably work for a peace-organization“.
Womit er recht hatte. Fast. Andrea arbeitete bei PBI. Mein ganzer Aufenthalt in Guatemala kam mir im Nachhinein jedoch vor, wie eine Art Massengrab- und Massakertourismus. Und in Rabinal wollten wir zu einer Ausgrabungsstelle. Eine Exhumierung in Sichtweise der Militärgarnison. Auf deren Grund ein nicht kleiner Teil der rund 5.000 Toten vermutet wurde. Außerdem wollten wir Aktivisten besuchen.

Besonders betroffen war eine Frau, die wir in einem Büro kennen lernten. Der Mann – vor Ihren Augen getötet – lag noch immer unter der Schwelle der Tür. Die Täter wohnten nebenan, stellten die Mehrheit in ihrem abgelegenen Gebiet. Sie konnten ihre Wege überwachen, ging sie zu weit, gab es Drohungen. Einen Totenschein hatte sie daher noch immer nicht. Offiziell war ihr Mann wahrscheinlich mit einer anderen abgehauen, das Land noch immer seines, nicht das ihre.
Am Abend saß ich dann mit dem US-Amerikaner zusammen. Wir tranken Rum, ich weil ich mich so mal selbständig unterhalten konnte; er? Plötzlich kam die Frage: Ob wir morgen nicht mitkommen wollten; er habe da eine Miene, die er uns gern zeigen würde.

Wir sitzen hinten auf der Ladefläche des Pick-Up, der die Stadt verläßt. Unterwegs sind immer mehr Männer zu uns aufgestiegen, mit grimmigem Blick, zum Teil mit oliver Kleidung. Wir kommen in unwegsames Gelände, mitten in jenem Gebiet, das von den ehemaligen Zivilpatrouillen beherrscht wird. Die Nacht war beschissen, viele Moskitos, kein Schlaf. Und das hier macht es grade nicht besser.
Da sehen wir zwei riesige Landmaschinen. Und den Arbeitern, die uns umringen, werden wir als mögliche ausländische Investoren vorgestellt. Der gute Mann hatte Schwierigkeiten mit den Lohnzahlungen.
Zur Mittagszeit sitzen wir bei seinem Vorarbeiter auf der Veranda. Der Blick ins Tal ist beeindruckend, der Blick an die Wand hinter uns auch: Mehre Fotos zeigen den Mann im Kreis von Uniformierten, sie präsentieren sich und ihre Waffen stolz, als wären sie Jäger vor einem geschossenen Hirsch. So wie es aussieht, war der Vorarbeiter schon damals der Chef.

„Die Leute hier sind natürlich mit dem Staat verbunden, aus historischen Gründen“, erzählt unser US-Amerikaner. Dessen Leistung, die beiden gigantischen Fahrzeuge hierher zu bringen, kann ich nur bewundern. Zuerst habe er in Guatemala mit alter Kleidung gehandelt, das größte Problem sei gewesen, einen Anlegeplatz zum Verladen der Container am Hafen zu bekommen.
„Wie die Strukturen hier sind? Ich bin also in dieses Büro rein. Da hieß es dann von den Herren, die beieinander saßen, dass ich jetzt besser erst einmal Essen gehen soll. Man würde sich schon melden. Also habe ich gemacht, dass ich fortkomme, habe mich ins Auto gesetzt und bin drauf los gefahren. Und irgendwo bin ich dann ausgestiegen. Und ich saß keine zehn Minuten, und sie kamen an und setzten sich zu mir an den Tisch. Ich habe nicht gemerkt das mir jemand gefolgt wäre. Sie waren plötzlich da. ‚Jetzt können wir reden‘, meinten sie. Sie wollten einfach, dass klar ist, wer das sagen hat.“
Sein Vorabeiter weiß, dass wir keine Investoren sind und vermutet wohl ebenfalls, dass wir was mit Menschenrechten zu tun haben könnten. Das entnehme ich jedenfalls seinem Blick.
„Dann habe ich hier diese Miene entdeckt, und weil ein Onkel aus der Familie meiner Frau an die Militärs hier Hubschrauber verkauft hat, da habe ich eine Chance gesehen; und ich glaube schon, dass das hier Arbeit bringen kann, die Leute haben ja nichts.“

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