dreizehn Jahre

Vielleicht fast auf den Tag genau vor dreizehn Jahren bin ich hier in LA AURORA das erste Mal angekommen.

Damals dauerte der Weg durch die Gemeinde von einem Ende zum anderen mehr als zwei Stunden, dabei immer wieder im Schlamm ausrutschend und über kleine Baumstämme balancierend, in der Hoffnung in das bisschen Wasser darunter nicht der Länge nach hineinzufallen. Heute gibt es Straßenbeleuchtung und feste Wege. Wir wundern uns, wie schnell wir überall sind.
Damals waren die Hütten noch aus dem Holz jener Bäume gemacht, die man mit einer Machete in Bretter zerlegen kann, die Dächer aus Palmwedeln. Große Vogelspinnen und Skorpione gab es reichlich und ich habe in Folge eines Stichs gelernt: Die hellen sind gefährlicher, sie haben sich gerade erst gehäutet und daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch viel Gift haben größer. Aber Angst brauche man auch vor ihnen nicht wirklich zu haben.
Heute sind die Häuser zumeist aus Stein und die Hühner haben alles, was an größer Insekten fleuchen und kreuchen könnte, deutlich dezimiert. Meine einzige nennenswerte tierische Begegnung dieses Mal war die mit einer Ratte; eines Nachts saß sie plötzlich über meinem Gesicht auf meinem Moskitonetz; und veranstaltete danach zusammen mit ihren Kollegen ein solches Quicken und Knuspern, dass sie mich beim Schlafen gestört haben.
Damals herrschte im Verglich zum Lärm und Chaos der Hauptstadt eine ruhige und fast poetische Stille und Entspanntheit, die ich leider erst Jahre später richtig eingeordnet habe: Als den Ausläufer eines Alptraums, das Ende eines Graues, das mit dem Massaker keine fuünf Monate zuvor begonnen hatte. Heute ist die Stimmung bunter. Chaotischer. Lauter. Und ich kann mich nur über mich selber wundern, wenn ich heute Tonaufnahmen vergleiche.
Damals dauerte der Weg nach AURORA von der Hauptstadt aus zwei bis drei Tage, und wenn wir nach dem Weg fragten, wurde getuschelt: „Die wollen dahin, wo die Soldaten ermordet wurden.“ Heute schafft man den Weg gut an einem Tag, kein Aus- und Einsteigen ist mehr nötig, kein Anschieben des Fahrzeugs mehr. Die teuren Busse haben Videovorführungen und LA AURORA engagiert sich anerkannt in der Provinz auch über die eigenen direktesten Belange hinaus politisch.
Heute hat LA AURORA nicht nur eine weiterführende Schule, in der Provinzhauptstadt unterhält die Gemeinde sogar ein Internat. Es gibt Handies, Fahrräder sind üblich, sogar mehr als ein Auto gibt es im Dorf. Und nachdem es zwischenzeitlich eine Privatisierungswelle gab, ist nun auch die Kooperative wieder in Betrieb. Nur eine Gesundheitsstation fehlt. Die gab es mal. Bis in Folge des Massakers der zusätzliche Aufwand nicht mehr geleistet werden konnte. Die ganze Region hatte damals davon profitiert.

Morgen werden wir abreisen. Zum ersten Mal ohne konkrete Vorstellung, wann wir wieder kommen.

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